Ulrich Kormann

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Was ist Achtsamkeit? Was bewirkt die Achtsamkeit? PDF Drucken E-Mail


Das buddhistische Verständnis des Begriffs Achtsamkeit geht weit über das hinaus, was wir darunter gewöhnlich verstehen. Im Buddhistischen Wörterbuch von Nyanatiloka lesen wir zum Palibegriff sati (der üblicherweise mit Achtsamkeit übersetzt wird):

sati, 'Achtsamkeit', ist Eingedenksein, Besinnung, Sich-ins-Gedächtnis-Zurückrufen, Erinnerung, Im-Gedächtnis-Bewahren, Gründlichkeit, Nicht-Vergesslichkeit, Achtsamkeit, Achtsamkeit als Fähigkeit, als Kraft, als rechte Besinnung.

Im Speziellen ist damit die Besinnung auf die drei Daseinsmerkmale Vergänglichkeit, Leidunterworfenheit und Selbstlosigkeit beim achtsam Beobachteten gemeint; das gleichzeitig mit dem achtsamen Tun und Erleben bestehende Eingedenksein dieser drei Daseinsmerkmale:

ti lakkhana, die 'Drei Daseinsmerkmale', sind Vergänglichkeit (anicca), Elend, Leiden (dukkha), eig. Leidunterworfensein, Unpersönlichkeit (anatta).

»Alle Gebilde, die sich da zwischen dem Aufsichnehmen des Körpers (Geburt) und seinem Niederlegen (Tod) befinden, sind vergänglich (anicca). Und wieso? Weil sich da ein Entstehen und Hinschwinden zeigt, ein Anderswerden, weil die Gebilde bloss für eine Zeit bestehen und dem Beständigen widerstreben.

»Weil aber die aufgestiegenen Gebilde den Beharrungszustand erreichen und im Beharrungsmoment durch das Alter erschöpft werden und nach Erreichung des Verfalls unvermeidlich zur Auflösung gelangen, darum gelten sie, eben weil sie immer bedrückt werden, schwer zu ertragen sind, die Grundlage des Leidens bilden und dem Glücke widerstreben, als elend (dukkha).

»,Möchten doch die aufgestiegenen Gebilde (Leiden) keine Dauer erlangen! Möchten doch die zur Dauer gelangten (Freuden) nicht altern! Möchten doch die zu Alter gelangten sich nicht auflösen!': Weil in dieser dreifachen Hinsicht keiner über die Gebilde Gewalt hat und die Gebilde daher leer sind an einem die Macht darüber Ausübenden, darum gelten sie, sofern sie eben leer, herrenlos, machtlos und das Gegenteil einer Persönlichkeit sind, als 'unpersönlich' (anattā)

Der buddhistische Autor Fritz Schäfer übersetzt den Pali-Begriff sati mit Wahrheitsgegenwart. Besser noch fände ich die Übersetzung mit Wirklichkeits-gegenwart, denn genau darum geht es bei der Achtsamkeit: Dass wir uns hier und jetzt, also in der Gegenwart, der Wirklichkeit bewusst sind.

Vergänglichkeit, Leidunterworfenheit und Selbstlosigkeit beschreiben die wahre Natur alles Existierenden, das vom Buddha als in den fünf Daseinsgruppen bestehend definiert worden ist:

khandha, 'Gruppen' oder 'Daseinsgruppen', nennt man die fünf Gruppen, in die der Buddha die dem oberflächlichen Beobachter eine Persönlichkeit vortäuschenden gesamten körperlichen und geistigen Daseinserscheinungen eingeordnet hat, nämlich:

die Körperlichkeitsgruppe (rūpa-kkhandha),
die Gefühlsgruppe (vedanā-kkhandha),
die Wahrnehmungsgruppe (saññā-kkhandha),
die Gruppe der Geistesformationen (sankhāra-kkhandha),
die Bewusstseinsgruppe (viññāna-kkhandha).

»Was immer es gibt an körperlichen Dingen, ob eigen oder fremd, grob oder fein, erhaben oder gemein, fern oder nahe, das alles gehört zur Körperlichkeitsgruppe. Was immer es gibt an Gefühl, an Wahrnehmung, an Geistesformationen, an Bewusstsein, ob vergangen, gegenwärtig oder zukünftig, eigen oder fremd, grob oder fein, erhaben oder gemein, fern oder nahe, das alles gehört zur Gefühls-, Wahrnehmungs-, Geistesformationen-, oder Bewusstseins-gruppe.«

Unser so genanntes individuelles Dasein ist in Wirklichkeit nichts weiter als ein blosser Prozess dieser körperlichen und geistigen Phänomene.

Diese fünf Daseinsgruppen aber bilden, weder einzeln noch zusammen-genommen, irgend eine in sich abgeschlossene wirkliche Ich-Einheit oder Persönlichkeit, und auch ausserhalb derselben existiert nichts, was man als eine für sich unabhängig bestehende Ichheit bezeichnen könnte, sodass eben der Glaube an eine im höchsten Sinne wirkliche Ichheit, Persönlichkeit usw. eine blosse Illusion ist.

Hier sei besonders betont, dass auch die fünf Daseinsgruppen als solche, genau genommen, lediglich eine abstrakte Klassifikation darstellen und auch selbst ihre Repräsentanten nur ein momentanes, schnell dahinschwindendes Dasein haben.

» Was aber ist die Körperlichkeitsgruppe (rūpa-kkhandha)?
Die vier Grundstoffe  (dhātu: Festes, Flüssiges, Erhitzendes, Bewegliches; trad. Erde, Wasser, Feuer, Wind) und die von diesen vier Grundstoffen abhängige Körperlichkeit: das nennt man die Körperlichkeitsgruppe.

» Was aber ist die Gefühlsgruppe (vedanā-kkhandha)?
Sechs Arten von Gefühlen gibt es:
durch Seh-, Hör-, Riech-, Schmeck-, Körper- und Geist-Eindruck bedingtes Gefühl.

» Was aber ist die Wahrnehmungsgruppe (saññā-kkhanda)?
Sechs Arten von Wahrnehmungen gibt es: 
Formwahrnehmung, Tonwahrnehmung, Geruchswahrnehmung, Geschmacks-wahrnehmung, Wahrnehmung von körperlichem Eindruck, Wahrnehmung von Geistobjekten.

» Was aber ist die Gruppe der Geistesformationen (sankhāra-kkhandha)?
Die sechs Arten von Willensäußerungen  (cetanā), nämlich:
der auf Form, Ton, Duft, Geschmack, Körpereindruck und ein geistiges Objekt gerichtete Wille.

» Was aber ist die Bewusstseinsgruppe (viññāna-kkhandha)?
Sechs Arten von Bewusstsein gibt es:
Seh-, Hör-, Riech-, Schmeck-, Körper-, und Geist-Bewusstsein.«

»Unmöglich ist es, Abscheiden, Insdaseintreten, Wachstum und Entwicklung des Bewusstseins anzugeben, unabhängig von Körperlichkeit, Gefühl, Wahrneh-mung und Geistesformationen.«

Über die Unpersönlichkeit und Leerheit dieses dem unwissenden Weltling ein Ich vortäuschenden rastlos vorwärtsströmenden Fünf-khandha-Prozesses heisst es:

»Was immer es an Körperlichkeit gibt, an Gefühl, Wahrnehmung, Geistes-formationen und Bewusstsein, ob vergangen, gegenwärtig oder zukünftig, eigen oder fremd, grob oder fein, edel oder gemein, fern oder nahe, da sollte man der Wirklichkeit gemäss in rechter Einsicht also erkennen: 'Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst'«

Über die Nicht-Ich-Lehre des Buddha schreibt Nyanatiloka weiter:

anattā, Nicht-Selbst oder Nicht-Ich oder Unpersönlichkeit, Selbstlosigkeit. Diese Lehre von anattā oder der Unpersönlichkeit besagt, dass es weder innerhalb noch ausserhalb der körperlichen und geistigen Daseinserscheinungen irgend etwas gibt, das man im höchsten Sinne als eine für sich bestehende unabhängige Ich-Wesenheit oder Persönlichkeit bezeichnen könnte.

Es ist dies die Kernlehre des ganzen Buddhismus, ohne deren Verständnis eine wirkliche Kenntnis des Buddhismus schlechterdings unmöglich ist, die einzige wirklich spezifisch buddhistische Lehre, mit der das ganze buddhistische Lehrgebäude steht und fällt. Alle anderen buddhistischen Lehren mögen mehr oder weniger auch in anderen Philosophien und Religionen anzutreffen sein, die Anattā-Lehre aber wurde in ihrer vollen Klarheit nur vom Buddha gewiesen, weshalb auch der Buddha als der anattā-vādī, der Verkünder der Unpersönlichkeit, bezeichnet wird.

Wer die Unpersönlichkeit des ganzen Daseins nicht durchschaut hat und nicht erkennt, dass es in Wirklichkeit nur diesen beständig sich verzehrenden Prozess des Entstehens und Vergehens geistiger und körperlicher Daseinsphänomene gibt, aber keine Ich-Wesenheit in oder hinter diesen Daseinserscheinungen, der ist ausserstande, die vier Edlen Wahrheiten (sacca) im richtigen Lichte zu erfassen. Er wird glauben, dass es eine Ichheit, eine Persönlichkeit sei, die das Leiden erfahre; eine Persönlichkeit, die böses oder gutes Wirken (karma) verübe und gemäss ihres Wirkens wiedergeboren werde; eine Persönlichkeit, die ins Nirwana (nibbāna) eingehe; eine Persönlichkeit, die auf dem Achtfachen Pfade (magga) wandle. Daher heisst es im Visuddhi Magga XVI:

»Das Leiden gibt es, doch kein Leidender ist da. 
Die Taten gibt es, doch kein Täter findet sich. 
Erlösung gibt es, doch nicht den erlösten Mann.
Den Pfad gibt es, doch keinen Wandrer sieht man da.«

»Wer da über die Bedingte Entstehung (paticca-samuppāda) der Dinge im Unklaren ist und die Entstehung der karmischen Willenshandlungen (sankhāra: Karmaformationen) aus der Unwissenheit (avijjā) usw. nicht begreift, der denkt, dass es ein 'Ich' sei, das da erkenne oder nicht erkenne, das handle und handeln lasse, das bei der Wiedergeburt zur Entstehung komme, dass es das mit den Fähigkeiten ausgestattete Ich sei, das den Bewusstseinseindruck habe (phassa), fühle (vedanā), begehre (tanhā), anhafte (upādāna), fortdauere und wieder in einem anderen Dasein zum Entstehen komme«

Ein solches Ich aber existiert nicht, es ist eine blosse Illusion. Zu dieser Illusion gesellt sich die Illusion des freien Willens. Wir sehen uns als ein autonomes, ein unabhängiges Selbst, das mit einem freien Willen ausgestattet sei, mit welchem wir – das heisst: unser vermeintliches Ich – wollen und tun und lassen können, wie es uns beliebe. Das dem nicht so ist, können wir erleben, indem wir tief in den geist-körperlichen Prozess, der unsere Existenz bildet, hineinschauen. Das nennen wir Meditation. Nyanaponika schreibt dazu:


Es geht nicht darum, an die Selbstlosigkeit und Bedingtheit des Seins zu glauben. Ein blosses Fürwahrhalten der in diesem Text vorgestellten Lehre von der selbstlosen Bedingtheit allen Wirkens und Erlebens wird nicht die Kraft haben, uns die Erfahrung der tiefen Befriedung und Befreiung zu vermitteln, welche uns nur durch das unmittelbar erkannte subjektive Erleben werden kann. In diesem Sinn sagte der Buddha:

Geht nicht nach Hörensagen, nicht nach Überlieferungen, nicht nach Tagesmeinungen, nicht nach der Autorität heiliger Schriften, nicht nach blossen Vernunftgründen und logischen Schlüssen, nicht nach erdachten Theorien und bevorzugten Meinungen, nicht nach dem Eindruck persönlicher Vorzüge, nicht nach der Autorität eines Meisters! Wenn ihr aber selber erkennt: 'diese Dinge sind heilsam, sind untadelig, werden von Verständigen gepriesen, und, wenn ausgeführt und unternommen, führen sie zu Segen und Wohl', dann möget ihr sie euch zu eigen machen.

Um die Frage ‚Was ist Achtsamkeit?’ nun in Kürze zu beantworten: Achtsamkeit ist klare Bewusstheit der selbstlosen Bedingtheit allen gegenwärtig stattfindenden konkreten Wirkens und Erlebens. Das Wissen darum, dass jedes Tun und Lassen durch einen Willen zustande kommt und dass dieser Wille nicht einem Ich entspringt, weder bei mir, noch bei einem anderen Menschen, sondern Resultat vielfältiger innerer und äusserer Bedingungen ist.

Wirken wird erlebt, Erleben wird gewirkt. Wirken und Erleben geschehen aufgrund von Bedingungen, ohne Beteiligung eines Ich.

Was bewirkt nun eine solche klarbewusste Achtsamkeit?

Die Ursache aller Leiderfahrung liegt im Glauben, in der Ansicht, dass die Befriedigung der vielgestaltigen menschlichen Begehren der Weg zu wahrem Glück sei. Aber leider, wie Friedrich Nietzsche treffend feststellte, begehrt das Begehren nicht das Begehrte, sondern das Begehren an sich. Das Begehren begehrt sich selbst, darin besteht die menschliche Tragik.

Begehren ist das Symptom des Nichteinverstandenseins mit dem was ist und damit wie es ist. Es äussert sich im Wollen von etwas, das nicht ist und im Nichtwollen von etwas, das ist. Dieses Nichteinverstandensein ergibt sich aus der Identifikation mit irgendeinem konkreten Erleben als Ich oder als Mein. Die Identifikation ihrerseits ist Ergebnis des Nichterkennens der Tatsache des Bedingtentstandenseins des konkreten Erlebens. Solange dieser Mechanismus nicht klar erkannt und durchschaut ist, kann es kein wahres Glück, keinen bleibenden Frieden, keine zeitlose (‚ewige’) Freiheit geben.

Wir können die fortschreitende Befreiung klar an dieser einen Tatsache feststellen, wie stark wir noch daran glauben und danach leben, dass die Befriedigung unserer Begehren uns echtes Glück, wahren Frieden, zeitlose Freiheit zu geben vermöchte:

Der Weltling (puthujjana) ist definiert durch die Tatsache, dass er gänzlich in dieser Vorstellung lebt. Für ihn besteht das Leben in der Befriedigung seiner Begehren. Die ‚Wiedergeburten’ seiner Begehren und deren Befriedigung sind unendlich. Sein Geist sieht in der gesamten Existenz keinen anderen Sinn. Da die Befriedigungen stets von relativ kurzer Dauer sind – und da das Begehren gar nicht auf Befriedigung aus ist, sondern stets auf sich selber – entstehen in rascher Folge immer neue und immer mehr Begehren, je mehr sie befriedigt werden. Ein Teufelskreis.

Die erste Stufe der Befreiung definiert den bereits erwähnten Stromeingetretenen (sotapanna). Er hat die tiefe Sinnlosigkeit eines Lebens der blossen Bedürfnis-befriedigung klar erkannt. Trotzdem haftet er immer noch stark diesem mechanisch sich wiederholenden Muster an, allerdings sieht er darin nicht mehr einen wirklichen Sinn. Von ihm wird gesagt, dass er höchstens noch siebenmal wiedergeboren werde. Das bedeutet nun einfach, dass er sich trotz der erlangten Einsicht immer noch um die wiederholte Befriedigung seiner Begehren bemüht, dass er am Begehren eben immer noch Freude hat, obschon er den Unsinn der ganzen Angelegenheit einsieht. Seine Einsicht greift noch zu kurz, er kann sie aber auf dem Weg der Einsichts- (satipatthana-vipassana) Meditation (in die selbstlose Bedingtheit) weiter vertiefen, und so das Anhaften an seine Begehren und deren Befriedigung weiter reduzieren.

Die zweite Stufe des Befreiungsweges bezeichnet den Einmalwiederkehrer (sakadagami). Er hat seine Abhängigkeit vom ‚Begehren-befriedigen-müssen’ sehr weitgehend vermindert. Bildlich gesprochen erhofft er sich von einer einmaligen Befriedigung seiner Begehren den Frieden, das Glück (im Gegensatz zum Strom-eingetretenen, der noch nach mehrmaliger Befriedigung verlangt und dem Weltling, der sich nach unendlichen Befriedigungsmöglichkeiten sehnt).

Der Niewiederkehrer (anagami), die dritte Stufe des Erwachens, erhofft sich nichts mehr von der Befriedigung seiner sinnlichen Begehren. Er hat die Verstrickung in das Sinnenverlangen vollständig überwunden. Er ersehnt keine Wiederholung sinnlicher Wunschbefriedigung. Trotzdem hat aber auch er noch Begehren, zwar nicht mehr nach Erlebnissen der Welt der fünf Sinne, aber nach tiefen geistigen Erfahrungen, wie es die meditativen Vertiefungen sind, oder er erhofft sich eine nachtodliche Existenz im Himmel.

Erst auf der vierten Stufe der Befreiung ist der Mensch – der nun so benannte Erleuchtete oder Erwachte (arahat) – von jedwelcher Verstrickung in Begehren aller Art (auch der subtilsten und rein geistigen) vollständig befreit. Er ist kein Sklave mehr seiner triebhaften Begehren, deshalb gilt er auch als ein ‚Triebversiegter’.

Alle triebgebundene Identifikation irgendeines Wirkens oder Erlebens mit einem Ich oder Selbst und alle triebgebundene Inbesitznahme irgendeines Wirkens oder Erlebens als Mein ist überwunden.

Der Erwachte ist aus der Illusion des unbedingten Selbstseins erwacht zur klaren Erkenntnis und tiefen intuitiven Einsicht in die selbstlose Bedingtheit des Seins. Er ist frei, sein Sosein zu leben wie es ist, und seinem eigenen sowie dem Sosein der anderen Menschen und der Soheit der gesamten belebten (und unbelebten) Natur in Mitgefühl und Liebe zu begegnen.

Ob stehend, gehend, sitzend oder liegend, 
Wie immer man von Schlaffheit frei, 
Auf diese Achtsamkeit soll man sich gründen. 
Als göttlich Weilen gilt dies schon hienieden.

(Sutta-Nipata; Vers 151)


Ein das Thema selbstlose Bedingtheit weiter vertiefender Text findet sich hier: lebenszeit.


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