Ulrich Kormann

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Achtsamkeit als reines Beobachten PDF Drucken E-Mail


"Das genaue Hören und Sehen ist eine sehr hohe Stufe der Kultur, wir sind noch fern davon.
Sehen lernen, so wie ich es verstehe, ist beinahe das, was die unphilosophische Sprechweise den starken Willen nennt: das Wesentliche daran ist gerade, nicht 'wollen', die Entscheidung aussetzen können. Alle Ungeistigkeit, alle Gemeinheit beruht auf dem Unvermögen, einem Reiz Widerstand zu leisten: Man muss reagieren, man folgt jedem Impulse."
(Friedrich Nietzsche)

Nachfolgende (gekürzte) Einführung entnommen aus Georg Schmid
Wo das Schweigen beginnt. Wege indischer und christlicher Meditation (1984)

In ihrem eigentlichen und ursprünglichen Sinn ist Satipatthana in keiner Weise ein Weg zu einem fixen, zum vornherein durch irgendeine Lehre festgelegten Ziel. In ihrem ursprünglichsten Sinn ist Satipatthana einfach ein Einüben der Achtsamkeit, der Versuch des Menschen, zu wissen, was er tut, der Versuch, ganz bei einer Sache zu sein, vor allem der Versuch, ganz bei dem zu sein, was er im Moment tut, denkt, fühlt und empfindet. Dieses Ganz-bei-sich-Sein ist eine Einübung ins reine Gegenwärtigsein.

Der Meditierende versucht, seine Gedanken nicht vom einen zum anderen schweifen zu lassen, sondern ganz und ausschliesslich bei dem zu sein, was geschieht. Wenn möglich wählt er sich nur ein Meditationsobjekt, z. B. seinen eigenen Atem. Das Ausatmen und Einatmen im Achten auf die Bewegung der Bauchdecke oder auf den Atemfluss bei den Nasenlöchern verhilft dem Meditierenden, nicht mehr nur beiläufig, sondern bewusst zu atmen. Dabei soll der Atem aber immer frei und ungezwungen fliessen. Atemanhalteübungen im Stil des Yoga werden abgelehnt. Es geht nicht um Veränderung, sondern nur um bewusstes Beachten des Atems.

Wie wird erreicht, ganz bei der entsprechenden Sache zu sein? Ein erstes Hilfsmittel ist die Isolation. Ich beachte, was ich beachten möchte, rein für sich, zusammenhanglos. Ich denke nicht an Ursachen, die zum Beachteten führten, an Möglichkeiten, die es noch eröffnen könnte.

Ein zweites Hilfsmittel ist das reine Beachten. Ich bewerte nicht. Ich versuche die zu beachtende Sache weder zu beurteilen noch zu beeinflussen. Ich greife in keiner Weise - auch gefühlsmässig nicht - in das ein, was ich achtsam beobachte. Ich bin rein beobachtend bei der Sache, der ich mich zuwende.

Ein drittes Hilfsmittel ist die Beschränkung auf eine einzige Weise des Zugangs. Was ich höre, suche ich nicht gleichzeitig noch zu sehen und zu riechen. Ich lenke meine Achtsamkeit zum Beispiel nur auf einen Ton.

Dass dieses Einüben des reinen Beobachtens einen neuen Zugang zur Wirklichkeit eröffnet, liegt auf der Hand. Wer achtsam wird, wer ganz bei einer Sache sein kann (in reiner Beobachtung), der wird frei von allen Vorurteilen und Gefühlsregungen, von allem Werten und Behandelnwollen. Er wird Wirklichkeit in einer Weise erfahren, wie es ihm bisher noch nicht möglich war.



Achtsamkeit eröffnet als reines Beobachten einen neuen Zugang zur Welt. In diesem ersten und grundlegenden Sinn ist Übung der Achtsamkeit durchaus nicht nur ein buddhistisches Unterfangen. Wahrscheinlich entstammt gerade dieser Aspekt der Achtsamkeitsübung vorbuddhistischer Tradition. Sie kann auch mühelos in nachbuddhistischer Zeit weitergepflegt werden. Gerade auf dieses reine Beobachten legt die in neuerer Zeit wieder aufkommende Satipatthana-Bewegung ihren Akzent. Satipatthana ist - wie es in Kursen eingeübt wird - zum grössten Teil Einübung jener Achtsamkeit, die als reines Beobachten bezeichnet werden kann.

Als Schule des reinen Beobachtens ist der Satipatthana-Weg beispielhaft. Als reine Achtsamkeit hätte er mindestens soviel Aufmerksamkeit verdient wie Yoga oder Zen. Gerade als Schule der Unvoreingenommenheit kann die Satipatthana-Methode keinen Ertrag vorschreiben. Die Übung der Achtsamkeit ist eine ausgezeichnete Übung in reiner Präsenz.

Quelle (ungekürzter Text)