Ulrich Kormann

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Die Dunkle Nacht PDF Drucken E-Mail


Immer wieder begegnet mir in Gesprächen die Anschauung, das Erleben der Dunklen Nacht der Seele sei eine Krankheit (Depression) und gehöre nicht zum spirituellen Weg. Und immer wieder betone ich mit Nachdruck, dass dem nicht so sei, oder dass immerhin ich die Dunkle Nacht nicht als Krankheit definiere sondern viel mehr als ein Geschehen, das unabdingbar zum Leben, und erst recht zum spirituellen Leben, gehört.

Die Dunkle Nacht kommt in den verschiedensten Kontexten und in den unterschiedlichsten Kleidern daher und sie erscheint in Zyklen das ganze Leben begleitend auf dem Lebensweg. Ich wage zu behaupten, ein Leben, das die Dunkle Nacht nicht kennt, kann kein authentisches spirituelles Leben sein.

Daniel Ingram, ein buddhistischer Autor, den ich sehr schätze, bezeichnet die Stufen 5 bis 10, also die mittleren der insgesamt 16 Einsichtsstufen der Achtsamkeits- (Vipassana-) Meditation, als die Dunkle Nacht. Jedes Wachstum, jeder Fortschritt auf dem spirituellen Weg geht unweigerlich auch immer wieder durch eine kürzere oder längere, eine intensive oder weniger intensive, Dunkle Nacht. Die Dunkle Nacht ist das erlebte Aufsichnehmen des Kreuzes, das Jesus für die Nachfolge fordert. Durch das Erleben der Dunklen Nacht formt sich immer wieder neu der Erlösungswunsch, welcher im Akt des Loslassens jeglichen Ich- und Mein-Anspruchs, in der Selbstverleugnung in den Worten Jesu, als Gleichmut (nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit) seinen Höhepunkt findet. Der Gleichmut schliesslich ist die Himmelsleiter oder das Sprungbrett zum Erwachen, wie buddhistische Autoren das Ziel definieren, oder zur Gotteswahrnehmung, wie es zum Beispiel der christliche Theologe und Autor Jörg Zink genannt hat.

Es gibt sehr kleine bis riesengrosse Dunkle Nächte, schwache und starke, kurze und lang anhaltende. Es kann auch geschehen, dass ein Mensch ein ganzes Leben in der Dunklen Nacht verbringt, dass seine Lebensreise eine Wanderung durch das Tal der Todesschatten ist. Daniel Ingram bezeichnet einen solchen Menschen als Dunkle Nacht Yogi. Wer das Tagebuch von Mutter Theresa gelesen hat, weiss wovon ich spreche. Ihr Leben ist ein eindrückliches Beispiel für die Realität der Dunklen Nacht und für die Tatsache, dass die Dunkle Nacht klar Teil des spirituellen Weges ist und nicht etwa ein Abfallen davon oder ein Verlorenhaben des Weges.

Siehe dazu meine Lieder Abgrunds Wege, Erlösungswunsch und Dank in Leiden:



Abgrunds Wege




Erlösungswunsch (buddhistisch)




Dank in Leiden (christlich)


Ein Erleben der Dunklen Nacht habe ich im Buch lebenszeit - die überwindung der depression durch einsicht in die selbstlose bedingtheit des seins festgehalten.