Ulrich Kormann

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Satipatthana für Christen PDF Drucken E-Mail

 

Das buddhistische Achtsamkeitstraining für eine christlich geprägte Kultur


Eins ist die Wahrheit, nicht gibt’s eine zweite;
sie kennend wird hierbei der Mensch nicht streiten.
(Buddha; Sutta-Nipata, Vers 884)

Ihr werdet die Wahrheit erkennen,
und die Wahrheit wird euch frei machen!
(Christus; Joh 8.32)


Freiheit oder das Ziel, der Sinn

Wenn etwas frei zu machen vermag, dann ist es die Wahrheit. Echte Freiheit, innere Freiheit, Freiheit des Gewissens, verschafft niemals die Lüge. Freiheit gibt es nicht ohne Wahrheit und Wahrheit nicht ohne Freiheit. Wo Wahrheit ergründet wird, da wächst Freiheit heran.

Was auch immer vom Menschen als einengend, als Gefangenschaft und Sklaverei erlebt wird, da kann er die wahre Natur dieses Erlebens ergründen. Dies geschieht weder durch passives sich ergeben in das Erleben, noch durch aktives verurteilen und bekämpfen, sondern durch achtsames reines Beobachten des Geschehens. Achtsamkeit als reines Beobachten allen Erlebens erweckt das Forschen und Suchen im Geist und führt so zur Ergründung der Wahrheit.

Prüfet alles. Das Gute behaltet. (Bibel; 1.Thess 5.21)

Das Nichtgute ist alles, was der Freiheit im Wege steht. Aber aufgepasst: Nicht alles, was du als Freiheit erachtest, muss wirklich Freiheit sein. Echte Freiheit beinhaltet neben der Freiheit von Unwahrheit auch die Freiheit von Leiden Schaffendem. So kann beispielsweise die vermeintliche Freiheit zu einem süchtigen Leben, egal welcher Art, keine wahre Freiheit sein, weil Sucht stets Leiden mit sich bringt, für sich selber und für andere. Dass etwas, das Leiden schafft, zur Freiheit führen könnte, das ist eine Lüge, die im Licht der Wahrheit als solche klar erkannt werden kann. Wonach der Mensch sich wirklich sehnt ist das Ende von Leiden. Diese Sehnsucht nimmt Satipatthana auf und bietet sich als ein hilfreiches Mittel zur Verwirklichung dieses Ziels an.

Frieden oder der Weg, die Methode

Der Buddha leitet die Satipatthana-Lehrrede mit den folgenden Worten ein:

Dies ist der direkte Weg zur Läuterung der Wesen, zur Überwindung von Kummer und Wehklage, zum Beenden von Mangel und Betrübtheit, zur Erlangung der richtigen Methode, zur Verwirklichung der Freiheit, nämlich die vierfache Vergegenwärtigung der Achtsamkeit. (Majjhima Nikaya; Satipatthana-Sutta)

Die vierfache Vergegenwärtigung der Achtsamkeit beinhaltet die Achtsamkeit auf das Körperliche, auf die Gefühle, auf die Geisteszustände (Emotionen) und auf die Geistinhalte (Gedanken).

Dass das Körperliche, die Gefühle und die Emotionen über die Grenzen von Kultur und Religion hinweg von allen Menschen gleich erlebt werden, ist leicht einsichtig. Körper wissen nichts von Religion. Lust und Schmerz, Freude und Leid werden von den Angehörigen aller Religionen erlebt und auch Emotionen wie Begierde und Wut, Liebe und Hass werden von allen Menschen gleichermassen erfahren.

Die vierte Achtsamkeitsvergegenwärtigung verdient hier nun eine spezielle Beachtung, denn die Geistinhalte, das Denken in Wort und Bild, das ist allerdings geprägt von der Kultur in der wir aufgewachsen sind und leben, von dem Weltbild, das wir uns durch Erziehung, Schule, Ideologie, Religion usw. angelernt und angeeignet haben. Aus diesem Grund können die Objekte, die sich der vierten Achtsamkeitsvergegenwärtigung anbieten, von Mensch zu Mensch äusserst verschieden sein.

Leider ist es oftmals gerade diese Unterschiedlichkeit des Denkens, das die Menschen trennt und ihnen den Weg zueinander verunmöglicht. Auch hier ist es die Achtsamkeit als reines Beobachten, die uns ermöglicht, die Wahrheit über unser Denken, über die sprachlichen und bildlichen Inhalte unseres Geistes zu ergründen. In diesem Sinn sagt die Bibel:

Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig. (Bibel; 2.Kor 3.6)

Es ist daher gerade auch das klarbewusste Beobachten und Ergründen der wahren Natur unserer Denkinhalte in Wort und Bild, das uns Frieden und Freiheit als nicht in Worten, sondern vielmehr als in einer starken Kraft bestehend erleben und erkennen lässt:

Das Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in Kraft. (Bibel 1.Kor 4.20)

Frieden machen wir zuallererst in unserem eigenen Herzen, in unserem Körper, in unseren Emotionen und in unserem Denken. Wenn wir in uns selber keinen Frieden erleben, dann ist es uns auch nicht möglich, Frieden nach aussen zu strahlen, auf unsere Mitmenschen, auf unsere Mitwesen, auf unsere Mitwelt. Satipatthana, die vierfache Vergegenwärtigung der Achtsamkeit, ist ein Weg, der zu innerem Frieden führt.

Freundschaft oder die Weggemeinschaft

Ist es möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden (Bibel; Röm 12.18)

Die wirkliche Weggemeinschaft ist die Gemeinschaft des Lebens – allen Lebens – in dieser Existenz. Wir sitzen tatsächlich alle im selben Boot, im Boot der Existenz, und was immer irgendein Einzelner tut, es hat Auswirkungen auf die Befindlichkeit aller im Boot Sitzenden. Im Buddhismus spricht man von Edler Freundschaft und von der Notwendigkeit unseren Mitmenschen ein Edler Freund zu sein:

Die Edle Freundschaft hat zum Ziel, dem Lernenden einen unterstützenden und von Bedrohung freien zwischenmenschlichen Raum zu gewähren, in dem Selbsterforschung und Geistesschulung möglich sind. So prägen wir sachte zunehmend echte zwischen-menschliche Beziehungen, die frei von Kampf, Gehorsam und blindem Glauben sind und viel mehr auf gegenseitigem Respekt, Vertrauen und Edler Freundschaft basieren. Der Edle Freund leistet seinem Weg-Gefährten dadurch Beistand, dass er dessen Bedürfnisse und Neigungen achtsam respektiert, ihm sein Können und seine Lebenserfahrung zur Verfügung stellt und ihm persönliche Rückmeldungen anbietet. (Mirko Frýba in „Anleitung zum Glücklichsein“; 1987)

Wir alle sind in konkreten Beziehungen entweder Lernende oder Lehrende oder auch je nach Situation und Erlebensbereich mal dieses und mal jenes. Freundschaft ist ein überaus wertvolles Geschenk auf dem Weg des Lebens. Der 1994 verstorbene deutschstämmige buddhistische Mönch Nyanaponika schildert uns dies eindrücklich:

Wie eine Schlange bei ihrem Bemühen, ihre alte Haut abzuwerfen, als Stütze einen Stein oder eine Baumwurzel benutzt, ebenso - sagen die alten Lehrer - sollte der strebende Nachfolger bei seinem Mühen um völlige Befreiung vollen Gebrauch von der Unterstützung durch edle Freundschaft machen. Eines Freundes wachsame Anteilnahme, sein weiser Rat und sein anregendes Beispiel mag bedeutsame Hilfe sein in dem schweren Unterfangen, sich zu lösen von dieser lästigen Hölle der Leidenschaften, Schwächen und hartnäckigen Gewöhnungen, die der Mensch mit sich schleppt. Oft und nachdrücklich hat der Buddha den Wert edler Freundschaften gepriesen. Einmal, als der ehrwürdige Anando, der dem Meister so sehr ergeben war, von der edlen Freundschaft als der 'Hälfte des heiligen Lebens' sprach, in dem Glauben, er habe damit ihren Wert angemessen gepriesen, antwortete der Erwachte: 'Sage das nicht, Anando, sage das nicht, es ist das ganze heilige Leben, edle Freunde zu haben, edle Genossen, edle Gefährten.' (Nyanaponika in „Im Lichte des Dhamma“; 1989)

Als Freund den Weg des Friedens gehen zu unser aller Freiheit: Dies ist der Sinn des Menschseins. Wie nun bin ich aller Lebewesen Freund? Jesus sagte und lebte es auch vor:

Wenn ihr den Menschen ihre Fehler vergebet, so wird euer himmlischer Vater euch auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht vergebet, so wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben. (Bibel; Mt 6.14-15)

Wir sind unserem Nächsten Freund, wenn wir ihm seine Fehler vergeben, statt ihn für sie zu verurteilen. Säe Vergebung und Versöhnung, so wirst du Vergebung und Versöhnung ernten. Dasselbe gilt in Bezug auf alle guten und göttlichen Eigenschaften, die der Mensch aufgerufen ist sich anzueignen. So auch für die Liebe:

Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, - und seinen Bruder doch hasst, so ist er ein Lügner; denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht! (Bibel; 1.Joh 4.20)

Der bereits zitierte buddhistische Mönch Nyanaponika schreibt zur Frage der Ethik und der Liebe:

Sittlichkeit, welche die Beziehungen des Einzelnen zum Mitmenschen regelt, kann wohl durch Gebote, Regeln und Gesetze gestützt und geschützt und durch die Vernunft begründet werden, doch ihre einzig sicheren Wurzeln liegen in einer wahren Kultur des Herzens. Diese findet in der Buddha-Lehre den denkbar vollkommensten Ausdruck in den vier ‚Erhabenen Weilungen’, oder ‚Göttergleichen Zuständen’, nämlich: Liebe, Mitleid, Mitfreude und Gleichmut. Darüber gibt die buddhistische Literatur genügende Auskunft. Nur dieses sei noch hierzu bemerkt: Es ist ein tiefes Wohlwollen für alles Lebendige, die All-Güte, welche die Grundlage für die anderen drei Eigenschaften bildet, ebenso wie für jedes Veredlungsstreben. Der Jünger der hier gelehrten Achtsamkeits-Schulung wird daher seine Achtsamkeit zunächst darauf zu lenken haben, dass sein Denken, Sprechen und Handeln nie der uneingeschränkten Güte ermangelt. In diesem Sinne heisst es in dem klassischen buddhistischen Text, dem ‚Lied von der Güte’:

Voll Güte zu der ganzen Welt
Entfalte ohne Schranken man den Geist:
Nach oben hin, nach unten, quer inmitten, 
Von Herzens-Enge, Hass und Feindschaft frei!
Ob stehend, gehend, sitzend oder liegend, 
Wie immer man von Schlaffheit frei, 
Auf diese Achtsamkeit soll man sich gründen,
Als göttlich’ Weilen gilt dies schon hienieden.

Ferner sagte der Buddha:

Mich selbst werde ich schützen, so sind die Grundlagen der Achtsamkeit zu üben. Den Anderen werde ich schützen, so sind die Grundlagen der Achtsamkeit zu üben. Sich selbst schützend, schützt man den Anderen; den Anderen schützend, schützt man sich selbst. Und wie schützt man, indem man sich selber schützt, den Anderen? Durch regelmässige Übung, durch Geistes-Entfaltung, durch ihre häufige Betätigung. Und wie schützt man sich selber, indem man den anderen schützt? Durch Geduld, Gewaltlosigkeit, Güte und Mitleid. (Nyanaponika in „Geistestraining durch Achtsamkeit“; 1993)

In der Bibel sprechen der Evangelist Johannes und der Apostel Paulus Klartext zu dieser Frage:

Geliebte, lasset uns einander lieben! Denn die Liebe ist aus Gott, und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe. (1.Joh 4.7-8)

Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses; so ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. (Röm 13.10)

Der Körper

Ist der Körper nicht bemeistert, so ist auch der Geist nicht bemeistert; ist der Körper bemeistert, so ist auch der Geist bemeistert. Dies eine Ding, entfaltet und häufig geübt, führt zu tiefer Ergriffenheit, zur Hohen Sicherheit, zu Achtsamkeit und Wissensklarheit, zum Erlangen des Erkenntnisblickes, zu gegenwärtigem Glückszustand, zur Verwirklichung der Wissensbefreiung und des Befreiungszieles. Welches eine Ding? Die auf den Körper gerichtete Achtsamkeit. (Majjhima-Nikaya; Satipatthana-Sutta)

In meiner Bibel findet sich der Begriff „Körper“ gerade ein einziges Mal. Dagegen finden wir den Begriff „Fleisch“ rund 70 Mal, er bezeichnet jedoch nicht die blosse Tatsache der Körperlichkeit, sondern ist meist verknüpft mit Vorstellungen von sündhafter Begierde und von einer Feindschaft zwischen Geist und Körper. Begierde aber ist ein Geisteszustand, eine Emotion, diese kann sich sehr wohl des Körpers zur Erlangung ihrer Wünsche bedienen, der Körper an sich ist aber völlig neutral und in keiner Weise unethisch oder gar sündig.

Der Körper ist die wichtigste Grundlage unserer Achtsamkeitsschulung. Ein zentrales körperliches Geschehen, das ohne unser willentliches Zutun abläuft, ist die Atmung. Sie bildet unser Hauptmeditationsobjekt. Ein zweiter Gegenstand der Körperacht-samkeit ist die Körperhaltung: Achtsames Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen. Der dritte Bereich sind die körperlichen Aktivitäten in Wort und Tat. Jeder körperliche Ausdruck wird der klarbewussten Achtsamkeit zugänglich gemacht.

Mirko Frýba nennt das Ergebnis der dem Körper zugewandten Achtsamkeit die „körperliche Wirklichkeitsverankerung“. Er schreibt, dass das unmittelbar körperlich Erlebte den zuverlässigsten Wirklichkeitsbezug darstellt und dass die Körperacht-samkeit uns den Schlüssel zur körperlichen Wirklichkeitsverankerung gibt. Er sagt weiter:

Diese Übungen rüsten uns mit Fertigkeiten aus, die uns in jeder Alltagssituation befähigen, eine sichere Verankerung in der gegenwärtig vorhandenen Lage zu gewinnen und aus dieser Verankerung heraus realistisch und wirksam zu handeln. Die Strategien der Wirklichkeitsverankerung befassen sich mit Merken, Fühlen und Erleben. Sie sind keine eigentlichen Handlungsstrategien, die sich mit dem Ausführen von Tätigkeiten und dem Behandeln von Gegenständen befassen, sondern vielmehr Wahrnehmungsstrategien, die das Erleben in seiner Wahrhaftigkeit und Glücksfähigkeit stärken sollen. Zweck der Übungen ist es, unser Denken, Sprechen und Handeln im Alltag kompetent zu nutzen. Dabei ist es wichtig, was wir nutzen und wie wir es nutzen. Das wahre Sprechen, wahre Denken und wissensklare Handeln kann besser genutzt werden, als jenes ohne Wirklichkeitsverankerung.

Unsere sprachlich zerstückelte Wirklichkeit wird im körperlichen Erleben wieder zu einem Kontinuum, wenn wir das Körperbewusstsein kultivieren. Darin gründet die grosse Chance der körperorientierten Psychotherapien und Meditationsmethoden. Indem sie das Erleben organisch gliedern und zusammenfügen, ermöglichen sie auch eine Umstrukturierung und Neugestaltung der Welt. Je achtsamer das Körpererleben fliesst, desto differenzierter und gebundener ist das Kontinuum, der lückenlose Zusammenhang der Wirklichkeit. Die ernsthafte Beachtung des Körperlichen und Körpergebundenen bringt also auf dem Weg zur Befreiung und zum Glück vielerlei Vorteile. Diese werden uns direkt erkennbar, sobald wir einige konkrete Techniken der Körperachtsamkeit ausüben. So paradox es vielleicht klingt, die Intelligenz des Körpers hat einen durch nichts anderes zu ersetzenden Wert für die Befreiung des Geistes. (Mirko Frýba in „Anleitung zum Glücklichsein“; 1987)

Die Gedanken oder Geistinhalte

Denn welcher Mensch weiss, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist? (Bibel; 1.Kor 2.11)

Alles ausser dem Körper des Menschen ist sein Geistiges: Gedanken, Emotionen, Gefühle. Der Begriff Emotion bezeichnet den Zustand des Geistes, das Gefühl beschreibt, wie sich Körper oder Geist anfühlen. Auf Emotion und Gefühl werde ich später eingehen. Hier nun zum Gedanken, zum Denken:

Unsere Gedanken in Begriffen und Bildern, alle unsere Sorgen, Pläne, Wünsche, Phantasien, Erinnerungen usw. sind Inhalte unseres Geistes, und wie uns obige Bibelstelle sagt, kann nur unser eigener Geist erkennen, was überhaupt in uns als Mensch zugegen ist. Und eben dies ist es, was wir mithilfe der Achtsamkeits-meditation üben: Zu erkennen, was in uns ist. Während wir achtsam in der meditativen Betrachtung des Körpers verweilen tauchen eine Vielzahl, ja, ein unaufhörlich fliessender Fluss von Gedanken auf. Erinnerungen, Vorstellungen, Pläne, Sorgen usw. Und diese Gedankenketten beeinflussen unser emotionales Erleben oft mehr, als es die körperliche Erlebenswirklichkeit hier und jetzt tut. Ohne dass wir uns dessen bewusst sind, handeln wir sogar häufig in einer konkreten Situation weit weniger der körperlichen Realität entsprechend, als viel mehr aus dem Erleben unserer geistigen Einbildungen heraus. Paul Watzlawick hat das in einer Kurzgeschichte wunderbar beschrieben:

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschliesst unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüsste er ihn nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen ihn. Und was? Er hat ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von ihm ein Werkzeug borgen wollte, er gäbe es ihm sofort. Und warum sein Nachbar nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen ausschlagen? Leute wie der Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet der Nachbar sich noch ein, er sei auf ihn angewiesen. Bloss weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s ihm aber wirklich. Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er “Guten Morgen” sagen kann, schreit ihn unser Mann an: “Sie können Ihren Hammer behalten, Sie Rüpel!” (Paul Watzlawik in „Anleitung zum Unglücklichsein“; 1986)

Der Sinn des reinen Beobachtens – zum einen der Körperlichkeit und zum anderen des Geistigen – besteht also auch darin, dass wir zwischen der körperlich erlebten Wirklichkeit und dem gedachten Erleben zu unterscheiden lernen. Je weiter wir in einer klaren Wahrnehmung und Unterscheidungsfähigkeit dieser beiden Ebenen des Erlebens fortschreiten, umso weniger werden wir in solche Fallen tappen wie es dem Mann mit dem Hammer passiert ist.

Die Emotionen oder Herzens- oder Geisteszustände

Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein. (Bibel; Mt 6.21)

Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. (Bibel; Mt 12.34)

Auf alles körperliche und geistige Erleben reagiert der Mensch meist zuallererst emotional. Sowohl ein körperlich in der Gegenwart stattfindendes als auch ein rein gedankliches Erleben lösen in uns Zuneigung und Abneigung, Angst, Trauer, Furcht, Freude, Liebe, Hass usw. aus. Alle diese Emotionen als das was sie sind kennen und erkennen zu lernen ist ein wichtiger Aspekt des Satipatthana-Trainings. Nyanaponika schreibt dazu:

Meist vermeidet es der Mensch ängstlich, sich über seine Charakterschwächen und sonstigen Unzulänglichkeiten Rechenschaft abzulegen, um nicht dadurch sein Selbstgefühl zu beeinträchtigen. Treten sie aber unverkennbar in ihm auf, so geht sein Bewusstsein so schnell wie nur möglich darüber hinweg. Damit nimmt er sich sowohl die Möglichkeit, dem Widerauftreten und Erstarken jener schlechten Eigenschaften vorzubeugen, wie auch den Antrieb, die ihm mangelnden guten Eigenschaften zu erwerben. Auf der anderen Seite schenkt der Mensch auch dem in ihm aufsteigenden Guten (abgesehen von eitlem Selbstlob) meist nicht diejenige Beachtung, welche geeignet ist, die auch im Guten liegende Tendenz zur Wiederholung und Stärkung zu fördern. Diese beiden Unterlassungen werden durch die Geist-Betrachtung ausgeglichen. Das einfache Reine Beobachten des eigenen Geisteszustandes führt somit, wenn regelmässig geübt, nicht nur zur Selbst- Erkenntnis, sondern auch zur Selbst-Veredlung. Der regelmässige Anblick des unbeschönigten Schlechten und Schwachen in der eigenen Natur wird zu tiefer Beschämung führen und eine eindringliche Mahnung sein; das Bewusstsein vom vorhandenen Guten und Starken jedoch wird ein Ansporn sein zu dessen Mehrung und wird der Übung freudige Zuversicht verleihen. (Nyanaponika in „Geistestraining durch Achtsamkeit“; 1993)

Es hilft uns nichts, wenn wir uns unsere negativen Emotionen nicht eingestehen, wenn wir sie verleugnen und so tun, als hätten wir sie gar nicht. Eine solche Verdrängungstaktik wird sie niemals in ihrer wahren Natur erkennen und dadurch schliesslich überwinden können. Es hilft ebenso wenig, sie einfach auszuleben, ihnen freien Lauf zu lassen, in der Annahme, alles andere sei bereits Verdrängung. Einen Ausweg bietet hier wiederum die Achtsamkeit als reines Beobachten. Die Emotionen werden nicht ignoriert, es wird ihnen aber auch nicht ungeprüft nachgegeben. Sie werden als das was sie sind erkannt und benannt. Die unheilsamen als unheilsam, die heilsamen als heilsam. Emotional zu sein ist keineswegs an sich unheilsam, es gibt im Gegenteil eine grosse Vielfalt an heilsamen Emotionen, wovon vier im buddhistischen Verständnis sogar als göttliche Emotionen gelten, nämlich Liebe, Erbarmen, Mitfreude und Gleichmut. Im gleichen Sinne sagt uns die Bibel:

Niemand hat Gott je gesehen; wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen geworden. (1.Joh 4.12)

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen! (Mt 5.7)

Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit. (Gal 5.22)

Alle diese sind heilsame Geisteszustände, heilsame Emotionen, und wenn wir sie in uns selber antreffen, dann dürfen wir sie auch erkennen, uns darüber freuen, dass sie in uns sind, und uns darin üben, sie zu entfalten und zu erhalten.

Eine Gefahr bei den Emotionen besteht darin, dass wir uns von ihnen mitreissen lassen, so dass eintrifft, was der Volksmund als ‚himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt’ kennt. In diesem Fall werden die emotionalen Zustände des Geistes total überbewertet. Sie sind dann in der Wahrnehmung des Betroffenen nicht mehr einfache entstehende und auch wieder vergehende Geisteszustände, sondern werden quasi als bleibende Himmel (z.B. manisch-euphorisches Erleben) oder Höllen (z.B. depressives und paranoides Erleben) erlebt. Ein hilfreiches Mittel zur Beruhigung der Geisteszustände ist die Betrachtung der mit ihnen verbundenen Gefühle. Wenn wir unsere emotionalen Zustände auf deren einfache Gefühlsqualitäten zurückzuführen vermögen, dann sind wir unseren Emotionen nicht mehr sklavisch ausgeliefert.

Die Gefühle

Satipatthana unterscheidet zwischen emotionalen Geisteszuständen und Gefühl. Als Gefühl gilt lediglich das körperliche und/oder psychische Empfinden von Wohl oder Weh und weder Wohl noch Weh. Jeder Zustand des Körpers und jeder Zustand des Geistes ist mit einem Gefühl verbunden, eben entweder mit einem angenehmen, einem unangenehmen oder einem neutralen Gefühl. Die Gefühlsbetrachtung führt zum Erkennen des mit jedem konkreten körperlichen und/oder psychischen Erleben verbundenen Gefühls. Dazu schreibt Nyanaponika:

Eine Überbetonung des Gefühlsaspektes innerer und äusserer Vorgänge ist bezeichnend für den emotionellen Menschentyp. Das Lust- und Unlust-Element einer Situation wird von ihm überschätzt und übertrieben, und dies führt ihn häufig zu extrem optimistischen oder pessimistischen Reaktionen, zu Überenthusiasmus oder Depression, zu illusorischen Hoffnungen oder grundloser Verzweiflung. Doch auch bei Durchschnittstemperamenten neigt das Gefühl zum Überschwang. Nicht selten hört man sagen: ‚Dies ist mein einziges Glück!’ oder ‚Dies wäre mein Tod!’ Doch die stille Stimme der Gefühlsbetrachtung spricht: ‚Es ist ein Freudegefühl wie viele andere auch - sonst nichts! Es ist ein Schmerzgefühl, wie viele andere auch - sonst nichts!’ Eine solche Fähigkeit, von den eigenen Gefühlen inneren Abstand zu gewinnen, ist inmitten der Wechselfälle des Lebens gewiss von grösster Wichtigkeit. Doch wenn auch der ruhige Blick der Achtsamkeit den Gefühlen ihr Ungestüm nimmt, so beeinträchtigt er damit nicht ihre menschliche Wärme. (Nyanaponika in „Geistestraining durch Achtsamkeit“; 1993)

Es gibt Meditationslehrer, die vor allem die Meditation auf Körper und Gefühl lehren. Auch Mirko Fryba betont den Wert der Einübung in die Gefühlsbetrachtung:

Es kann sein, dass starke geistige Gefühle einen Verlust der körperlichen Verankerung bewirken und gleichzeitig auch starke physiologische Begleiterscheinungen hervorrufen, wenn es den Betroffenen nicht gelingt, sich mittels einer Heilmethode (Therapie, Meditation, emanzipatorische Geistesschulung) davon zu befreien und zu einem gesunden Gefühlsleben zu kommen. Methodisch geschulte und entfaltete Achtsamkeit ermöglicht uns, durch wirklichkeitsgemässen Wandel und durch weise innere Haushaltung die Gefühle im Fluss zu halten. Dies bedeutet, dass Wohlgefühle als Wegweiser und Schmerzen als Warnsignale beachtet und als Hinweise für Korrekturen berücksichtigt werden, bevor leidbringende Erstarrungen im Körper oder im Geist entstehen. Der Strom der frei fliessenden Gefühle wirkt belebend. Wenn Sie also sowohl in Ihr geistiges als auch in Ihr körperliches Ökosystem harmonisch eingebettet sind, werden Ihre Entfaltungsmöglich-keiten durch das fein pulsierende Gefühl der Wonne belebt. Wenn das nicht der Fall ist, Sie aber weiterhin gelassen und achtsam Ihre Schmerzgefühle erleben, dann werden Ihre Entlastungsfertigkeiten gesammelt und erweckt. Die auf Körperprozesse und Gefühle gerichtete Achtsamkeit, aus welcher Ergriffenheit und Freude entstehen, ist das Mittel, wodurch die Intelligenz des Körpers zur Geltung kommt. (Mirko Frýba in „Anleitung zum Glücklichsein“; 1987)

Ergriffenheit und Freude sind zwei wesentliche Faktoren der Geistesentfaltung und Herzenskultur. Sie sind Aspekte sowohl des gesammelten, geeinten, befriedeten Herzens, als auch des erwachten, frei gewordenen Geistes. Ohne ihre belebende und gleichzeitig Geist und Herz stillende Kraft können weder Herzenseinigung noch Einsicht in die Gesetzmässigkeit des Seins zustande kommen. Aber auch Ergriffenheit und Freude werden in der Gefühlsbetrachtung zurückgeführt auf das mit ihnen verbundene einfache, stille und sanfte Wohlgefühl.

Satipatthana (auch) für Christen

Satipatthana macht keine Gehirnwäsche mit den Übenden. Es fordert keine bestimmten Überzeugungen oder Glaubensinhalte. Vielmehr werden die eigenen Ansichten und deren Auswirkung auf die Psyche und auf das soziale Leben dem reinen Beobachten unterzogen und der Erkenntnis ihrer Wirkung auf das eigene Leben und Erleben zugänglich gemacht.

Satipatthana ermöglicht so auch eine gründliche eigene Prüfung ideologischer Vorstellungen und religiöser Glaubensinhalte, die vielleicht seit Jahren ungeprüft und ohne sie richtig erkannt und verstanden zu haben, aus Gewohnheit vertreten worden sind. Es sind jedoch nur solche Denkinhalte hilfreich und heilsam, die sich in der Praxis, im alltäglichen Leben auch tatsächlich als hilfreich und heilsam erweisen. Dies aber ist eine höchst individuelle, subjektive Angelegenheit: Nicht alles, was für mich selber hilfreich und heilsam ist, ist es auch für meinen Nächsten. Eine Verabsolutierung von ideologischen Überzeugungen und religiösen Glaubensinhalten zu allgemein gültigen und für alle Zeiten feststehenden Dogmen ist daher weder sinnvoll noch überhaupt möglich. Der Buddha selber sagte (auch hinsichtlich seiner eigenen Lehre):

Geht nicht nach Hörensagen, nicht nach Überlieferungen, nicht nach Tagesmeinungen, nicht nach der Autorität heiliger Schriften, nicht nach blossen Vernunftgründen und logischen Schlüssen, nicht nach erdachten Theorien und bevorzugten Meinungen, nicht nach dem Eindruck persönlicher Vorzüge, nicht nach der Autorität eines Meisters! Wenn ihr aber selber erkennt: 'Diese Dinge sind unheilsam, sind verwerflich, werden von Verständigen getadelt, und, wenn ausgeführt und unternommen, führen sie zu Unheil und Leiden', dann möget ihr sie aufgeben. Und wenn ihr selber erkennt: 'Diese Dinge sind heilsam, sind untadelig, werden von den Verständigen gepriesen, und, wenn ausgeführt und unternommen, führen sie zu Segen und Wohl', dann möget ihr sie euch zu eigen machen. (Anguttara-Nikaya; III 66)

Im selben Sinne lehrt die Bibel:

Für die Freiheit hat uns Christus befreit; so steht nun fest und lasset euch nicht wieder in ein Joch der Knechtschaft spannen! Hast du Glauben? Habe ihn für dich selbst vor Gott! Glückselig, wer sich selbst nicht richtet in dem, was er gutheisst! (Gal 5.1)

Alles dessen, was dir hilft, auf dem Weg der Heilung und der Heiligung voranzukommen, darfst du dich ohne Angst bedienen. Der Satipatthana-Retreat ist eine Woche der Stille, des Schweigens, der Meditation und Kontemplation. Er verhilft dir über dich selber, über deine Gefühle, Emotionen und Gedanken Klarheit zu erlangen. Diese Klarheit befriedet das Herz, befreit den Geist und beruhigt den Körper.

Rechte Achtsamkeit ist die unerlässliche Grundlage für rechtes Leben und rechtes Denken und hat daher eine lebenswichtige Botschaft für jedermann: nicht nur für den überzeugten Buddhisten, sondern für alle, die sich bemühen wollen um die Meisterung des eigenen, so schwer zu lenkenden Geistes; und die seine verborgenen und gehemmten Möglichkeiten entwickeln wollen für eine grössere innere Kraft und ein grösseres und reineres Glück. Es ist ein Weg, der heute ebenso gangbar ist wie vor 2500 Jahren; in den Ländern des Westens ebenso wie in denen des Ostens; für den Menschen im weltlichen Getriebe ebenso wie für den Mönch im Frieden seiner Zelle. Nehmen wir das Wort ‚Meditation’ in einem weiten Sinne, als Bewusstseins-Erhellung und Bewusstseins-Erhöhung, so darf die Satipatthana-Methode des Buddha, d.i. die Ausbildung Rechter Achtsamkeit, als der für den westlichen Menschen geeignetste Zugang zur Meditation bezeichnet werden. (Nyanaponika in „Geistestraining durch Achtsamkeit“; 1993)


Der Text findet sich im Anhang zum Buch Dem Leben vertrauen - Der innere Weg, als Notizen Nr. 35 im Buch Satipatthana Notizen, sowie im Hörbuch (ab 23. Teil): Satipatthana.

Ein weiterer sehr guter Text zum Thema findet sich unter www.relinfo.ch (eine Seite der Evangelischen Informationsstelle Kirchen, Sekten, Religionen), er ist von Georg Schmid aus dem Buch "Wo das Schweigen beginnt. Wege indischer und christlicher Meditation" (Gütersloh 1984, s. 67-72): Satipatthana / Achtsamkeit.

Ich persönlich finde es sehr hilfreich und wertvoll, mit beiden Betrachtungsweisen vorwärts gehen zu können, also sowohl auf das buddhistische "Nicht-Ich" wie auch auf den christlichen "Ich bin" zu meditieren.

Zu meiner christlichen Anbetung: UODAL’s LOBGESANG (grösstenteils Mundart)

Alle meine christlichen Lieder: Ueli's liederliche Mystik (grösstenteils Mundart)