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Eine christliche Annäherung an das buddhistische Verständnis: Auszug aus Thomas MertonChristliche Kontemplation – Ein radikaler Weg der Gottessuche.

Thomas Merton


Eingefügte Verse aus Ulrich Kormann Suriya Namaskar – Sonnengruss.

Kontemplation ist der höchste Ausdruck des intellektuellen und spirituellen Lebens des Menschen. Sie ist dieses Leben selbst in seiner voll erwachten, voll aktiven, voll sich seiner Lebendigkeit bewussten Form. Sie ist spirituelles Staunen. Sie ist spontan ehrfürchtiges Erschauern vor der Heiligkeit des Lebens und des Seins. Sie ist Dankbarkeit für das Leben, für die Bewusstheit seiner selbst, für sein Sein. (…) Man kann sie mit Worten und Symbolen umschreiben, aber im gleichen Augenblick, in dem der Geist des Kontemplativen auszudrücken versucht, was er weiss, nimmt er zurück, was er gesagt hat, und stellt in Abrede, was er behauptet hat. Denn in der Kontemplation wissen wir durch „Nichtwissen“. Oder besser, wir wissen jenseits alles Wissens oder „Nichtwissens“. (…)

Die Kontemplation ist immer jenseits unseres eigenen Wissens, jenseits unseres eigenen Lichts, jenseits aller Systeme, jenseits alles Dialogs, jenseits unseres eigenen Selbsts. Um in den Bereich der Kontemplation einzutreten, muss man in einem bestimmten Sinn sterben; aber dieses Sterben bedeutet in Wirklichkeit das Eingehen in ein höheres Leben. Es ist ein Sterben um des Lebens willen, bei dem alles zurückbleibt, was wir als Leben, als Denken, als Erfahrung, als Freude, als Sein kennen oder schätzen. (…)

Die Frage die ich bin

Sucht nicht die Antwort in dem Sinn

Dass ein Wort mir könnte klären

Was nur die Frage kann gewähren


Das Leben der Kontemplation umfasst zwei Bewusstseinsebenen: erstens die Bewusstheit der Frage und zweitens die Bewusstheit der Antwort. Beide sind zwar unterschiedliche und ganz gewaltig voneinander verschiedene Ebenen, aber tatsächlich sind sie die Bewusstheit ein und desselben. Die Frage ist selbst die Antwort. Und wir selbst sind beides. Aber das können wir erst dann erkennen, wenn wir zur zweiten Art von Bewusstheit gelangt sind. Wir erwachen nicht dazu, um eine von der Frage absolut verschiedene Antwort zu finden, sondern um wahrzunehmen, dass die Frage ihre eigene Antwort ist. (…)

Der einzige Weg dahin, alle falschen Vorstellungen über Kontemplation loszuwerden, ist der, sie zu erfahren. Jemand, der nicht tatsächlich in seinem eigenen Leben die Natur dieses Durchbruchs und dieses Erwachens für eine neue Wirklichkeitsebene kennengelernt hat, muss fast unvermeidlich von dem meisten, was über sie gesagt wird, in die Irre geführt werden. Denn Kontemplation kann man nicht lehren. Man kann sie nicht einmal richtig erklären. (…)

Nichts ist abstossender als eine pseudo-wissenschaftliche Definition der kontemplativen Erfahrung. Ein Grund dafür ist, dass jeder, der eine solche Definition anzustellen versucht, allzu leicht der Versuchung unterliegt, psychologisch vorzugehen; aber eine angemessene Psychologie der Kontemplation gibt es überhaupt nicht. Beschreibt man „Reaktionen“ und „Gefühle“, so lokalisiert man die Kontemplation in einem Bereich, worin sie sich nicht findet, nämlich im Oberflächenbewusstsein, und versucht sie dort mittels Reflexion zu beobachten. Aber genau diese Reflexion und dieses Bewusstsein sind Teil jenes äusserlichen Selbst, das im echten Erwachen des Kontemplativen „stirbt“ und wie ein schmutziges Gewand beiseite geworfen wird. (…) 

Die Oberfläche ist so hart

Humorlos ernst und hungrig satt

Sie ist das Ich das nicht ich bin

Und raubt dem Leben jeden Sinn


Niemand sollte die Hoffnung hegen, die Kontemplation sei eine Fluchtmöglichkeit vor Konflikten, Ängsten oder Zweifeln. Das Gegenteil ist der Fall: Die tiefe unaussprechliche Gewissheit der kontemplativen Erfahrung lässt eine tragische Seelenpein erwachen und reisst in den Tiefen des Herzens viele Fragen auf, die wie Wunden sind, deren Bluten sich gar nicht stillen lässt. Denn jedem Zugewinn an tiefer Gewissheit entspricht auf der Oberfläche eine entsprechende Zunahme des „Zweifels“. Dieser Zweifel steht keineswegs im Gegensatz zum echten Glauben, aber er untersucht erbarmungslos den unechten landläufigen „Glauben“, nämlich den menschlichen Glauben, der nicht mehr ist als das passive Akzeptieren der allgemein üblichen Meinung. Dieser falsche „Glaube“, mit dem wir oft leben und den wir womöglich sogar mit unserer „Religion“ verwechseln, wird der unerbittlichen Infragestellung ausgeliefert. Diese Tortur ist eine Art Feuerprobe, in der wir gezwungen werden, in genau dem Licht der unsichtbaren Wahrheit, das mit dem dunklen Strahl der Kontemplation auf uns gefallen ist, alle die Vorurteile und Konventionen, die wir bislang wie Dogmen akzeptiert haben, zu überprüfen, in Zweifel zu setzen und schliesslich abzulegen. Von daher ist klar, dass sich echte Kontemplation nicht mit Selbstgefälligkeit und dem selbstzufriedenen Übernehmen von vorgefassten Meinungen verträgt. Sie ist kein blosses passives sich Zufriedengeben mit dem status quo, wie manche gern glauben möchten – denn das würde die Kontemplation zu einer Art von spiritueller Anästhesie machen. Kontemplation ist kein Schmerzmittel. Nein: Hier frisst ein brennendes Feuer unerbittlich alle alten, abgedroschenen Wörter, Klischees, Parolen und Rechtfertigungen auf und verbrennt sie zu Asche. Das Schlimmste daran ist, dass sogar Vorstellungen, die wir für heilig halten, zusammen mit allem Übrigen ein Opfer dieses Feuers werden. Da kommt ein schreckliches Zerbrechen und Verbrennen von Idolen in Gang; eine Säuberung des Heiligtums findet statt, damit nichts sich wichtig Gebendes den Ort einnehme, von dem Gott angeordnet hat, er solle leer gelassen werden: die Mitte, der existenzielle Altar, der einfach „ist“.

Am Ende erleidet der Kontemplative die Qual der Wahrnehmung, dass er nicht mehr weiss, was Gott ist. Vielleicht wird ihm die Gnade der Einsicht geschenkt – oder auch nicht –, dass das letztlich ein grosser Gewinn ist, denn „Gott ist kein Was“, kein „Etwas“. Genau das ist eines der wesentlichen Merkmale der kontemplativen Erfahrung. Man sieht dabei, dass es kein „Was“ gibt, das sich „Gott“ nennen lässt. Es gibt nicht „so etwas“ wie Gott, denn Gott ist weder ein „Was“ noch „etwas“, sondern reines „Wer“. Er ist das „Du“, vor dem unser innerstes „Ich“ in die Bewusstheit springt. Er ist der Ich bin, vor dem wir mit unserer eigenen allerpersönlichsten und unverkennbaren Stimme als Echo unser „ich bin“ rufen. (…)

ICH BIN in Dir und Du in mir

Wir sind uns gegenseitig Zier

ICH BIN die Liebe bin der Geist

Ich bin das Ich das Du befreist


Es ist eine ungeheure Gnade und ein grosses Privileg, wenn ein Mensch, der in der Welt lebt, in der wir leben müssen, plötzlich sein Interesse an den Dingen verliert, die diese Welt in Beschlag nehmen, und in seiner eigenen Seele den starken Wunsch nach Armut und Alleinsein entdeckt. Und das kostbarste aller Geschenke der Natur oder Gnade ist der Wunsch, verborgen zu sein und aus der Sicht der Menschen zu verschwinden und von der Welt für Nichts erachtet zu werden und sich auch gar nicht mehr mit auf sich selbst gerichteten Überlegungen zu beschäftigen und im Nichts jener unermesslichen Armut unterzugehen, die reine Anbetung Gottes ist. Dieses absolute Leersein, diese Armut, dieses Vergessenwerden enthält in sich das Geheimnis jeglicher Freude, denn es ist erfüllt von Gott. (...) Der Mystiker lebt in der Leere, in der Freiheit, so als hätte er kein begrenztes und exklusives "Selbst" mehr, das ihn von Gott und anderen Menschen unterschiede.


Ich geh den Weg zur Freiheit hin

Die in mir lebt als der ICH BIN

Und nur in dem ICH BIN

Macht mein Weg des Lebens Sinn




Zum Lied "Du, der Ich bin"