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Die Dinge sehen, wie sie sind PDF Drucken E-Mail

 

Vieles lesen macht stolz und pedantisch;
viel sehen macht weise, verträglich und nützlich.
(Georg Christoph Lichtenberg)


Essay von Nyanaponika Mahathera
aus "Im Lichte des Dhamma - Buddhistische Texte"


Wenn wir aus dem so gewaltig grossen Bereich von Lebenserscheinungen auch nur einen ganz kleinen Ausschnitt betrachten, dann finden wir darin eine so enorme Mannigfaltigkeit von Lebensformen und ihren Komponenten, dass sie jeder Beschreibung trotzt. Drei Grundtatsachen jedoch sind den verschiedenen Lebewesen auf all ihren Entwicklungsstufen gemeinsam, von der Mikrobe bis zum Menschen, und im Geistigen von den einfachsten Sinneswahrnehmungen bis zu den subtilen Gedanken eines schöpferischen Genies. Diese drei Fakten sind:


- die Vergänglichkeit (anicca) und ausnahmslose Veränderlichkeit aller körperlichen und geistigen Vorgänge,

- ihre Leidhaftigkeit (dukkha) und unbefriedigende Natur,

- ihre Ich- und Substanzlosigkeit (anatta).

 




Diese drei Grundtatsachen der Existenz wurden vor über 2500 Jahren zum ersten Mal vom Buddha entdeckt und formuliert. Er wurde daher mit Recht als "Kenner der Welt" bezeichnet. In buddhistischer Terminologie sind diese drei Fakten als die "drei Merkmale" (ti-lakkhana) bekannt, als die unauslöschbaren Kennzeichen von allem, was ins Leben tritt; die Siegel, mit denen alles Lebendige geprägt ist.


Das erste und das dritte Merkmal gelten sowohl für Lebewesen wie auch für die nicht belebte Natur. Denn alles Existierende ist dem Wandel und dem Vergehen unterworfen und hat keine beharrende Substanz irgendwelcher Art. Das zweite Merkmal, Leidhaftigkeit, ist natürlich nur eine Erfahrung empfin-dender Lebewesen. Der Buddha wandte jedoch das Merkmal der Leidhaftigkeit auf alle bedingten Phänomene an, und zwar in dem Sinne, dass alles bedingt Entstandene für Lebewesen eine mögliche Ursache von Leiderfahrung ist und dass es keine dauernde Befriedigung gibt. So sind diese drei eben wahrhaft universale Kennzeichen, die auch für das gelten, was unterhalb oder jenseits unserer Wahrnehmungsschwelle liegt.


Der Buddha lehrt, dass die Daseinserscheinungen, materielle wie geistige, nur dann richtig und wirklichkeitsgemäss verstanden werden können, wenn diese drei Merkmale verstanden sind. Dieses Verstehen aber soll nicht auf ein rein intellektuelles beschränkt bleiben, sondern muss aus der Konfrontierung mit der eigenen Erfahrung wachsen. Die Klarblicks-Weisheit (vipassana-panna), die der entscheidende befreiende Faktor ist, besteht in dem auf eigene Erfahrung gegründeten Verstehen eben jener drei Daseinsmerkmale, gegründet auf die eigenen körperlichen und geistigen Prozesse, vertieft und gereift in Meditation.

 

 



Die Dinge sehen, wie sie wirklich sind, heisst, sie konsistent im Lichte der drei Daseinsmerkmale zu sehen. Wenn man sie aber nicht so sieht oder sich über ihre Tatsächlichkeit oder die Reichweite ihrer Anwendung täuscht, so ist das ein bestimmendes Kennzeichen der Unwissenheit. Eben diese Unwissenheit ist die Hauptquelle des Leidens, das sich aus einer unergründlichen Vergangenheit in eine ungewisse Zukunft fortsetzt und so den Daseinskreislauf in Gang hält. Diese Unwissenheit über die drei Daseinsmerkmale knüpft das Netz, in das sich der Mensch verfängt, das Netz täuschender Hoffnungen, unerfüllbarer und unheilsamer Wünsche, trügerischer Ideologien und falscher Werte und Ziele.


Ein Ignorieren oder Verfälschen der drei Daseinsmerkmale kann nur zu Frustrierung führen, zu Enttäuschung und schliesslich zu Verzweiflung. Doch wenn wir es lernen, trügerische Erscheinungsformen zu durchschauen und die drei Merkmale in allen Gestaltungen wiedererkennen, dann wird uns dies vielfachen Gewinn bringen, sowohl im täglichen Leben wie auch in unserem spirituellen Streben. Auf der weltlichen Ebene wird ein klares Gewahrsein der Vergänglichkeit einen realistischen Ausblick auf das Leben und seine Möglichkeiten geben. Es wird uns vor falschen Erwartungen bewahren, uns eine mutige Hinnahme von Leiden und Fehlschlägen geben und uns schützen gegen die Verlockungen durch Wunschträume und allzu gläubige Gedanken.


Für unser Streben nach dem überweltlichen Ziel der Leidfreiheit ist ein tieferes Verständnis und Erlebnis der drei Merkmale unerlässlich. Für ein intensives meditatives Erfassen bilden sie die drei möglichen Zugangswege zum Ziel der Leidfreiheit. Die meditative Erfahrung, dass alle Daseinsvorgänge untrennbar mit den drei Merkmalen verknüpft sind, wird die Fesseln unseres Geistes, die uns an das fälschlich für beständig, glückbringend und substanzhaft vermeinte Dasein binden, zunehmend lockern und wird schliesslich diese Bindung endgültig brechen.


Mit wachsender Klarheit wird man die Dinge, die inneren und die äusseren, in ihrer wahren Natur erkennen: als in ständigem Wandel befindlich, als verquickt mit Leidhaftigkeit und als kernlos, ohne eine ewige Seele, ein identisches Ich oder eine beharrende Substanz.


In solchem Anblick wird die innere Ablösung von allem Leidhaften und Unbefriedigenden stetig zunehmen, wird grössere Freiheit vom ichbezogenen Anhaften bringen und schliesslich in der endgültigen Befreiung des Geistes von allen Fesseln und Befleckungen gipfeln, im Nibbana.